Picasso und der Kubismus – Ein Leitfaden für Einsteiger

Kubismus. Allein das Wort kann abschreckend wirken, und die Bilder Pablo Picassos aus dieser Zeit lösen bei Menschen, die ihnen zum ersten Mal im Museum begegnen, oft Verwirrung aus. „Warum ist dieses Gesicht gleichzeitig von drei Seiten zu sehen?“, „Ist das wirklich eine Gitarre?“, „Was wollte der Künstler damit sagen?“ – solche Fragen hört man in fast jedem Museum für moderne Kunst. Wenn du schon einmal vor einem kubistischen Werk standest und dich verloren gefühlt hast, ist dieser Leitfaden für dich.

Der Kubismus ist nicht nur eine der wichtigsten Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts – er ist eine Revolution, die die Art und Weise, wie Künstler die Wirklichkeit betrachten und darstellen, grundlegend verändert hat. Und Pablo Picasso? Er war nicht nur Mitbegründer dieser Bewegung, sondern auch ein Genie, das den Kubismus durch alle seine Phasen führte – von den frühen Experimenten bis zu den reifen Meisterwerken.

In diesem Artikel erklären wir den Kubismus auf verständliche Weise, ohne kunsthistorischen Fachjargon. Wir gehen die Schaffensphasen Picassos durch, stellen Werke vor, die für Einsteiger gut zugänglich sind, und zeigen, warum kubistische Bilder eine faszinierende Ergänzung für moderne Innenräume sein können.


Was ist Kubismus eigentlich? Eine Erklärung für alle

Bevor wir zu Picasso kommen, klären wir zunächst, was Kubismus ist. Ganz einfach gesagt: Kubismus ist eine Art zu malen, bei der ein Objekt gleichzeitig aus mehreren Perspektiven dargestellt wird.

Traditionelle Malerei vs. Kubismus

Über Jahrhunderte versuchten Maler, die Wirklichkeit so abzubilden, wie wir sie sehen – aus einer einzigen Perspektive, in einem bestimmten Moment. Die Meister der Renaissance entwickelten die Zentralperspektive, um auf der flachen Leinwand eine Tiefenillusion zu erzeugen. Wenn sie einen Apfel malten, zeigten sie ihn genau so, wie er von einem festen Blickpunkt aus aussieht.

Der Kubismus bricht mit dieser Tradition. Picasso und sein Mitbegründer des Kubismus, Georges Braque, stellten sich die Frage: „Warum sollten wir Dinge nur von einer Seite zeigen, wenn wir wissen, wie sie von allen Seiten aussehen?“

Stell dir vor, du möchtest eine Gitarre malen. Von vorne siehst du die flache Oberfläche und das Schallloch. Du weißt aber auch, dass sie Seiten, eine Rückseite und einen Hals hat. Der Kubist entscheidet sich, all diese Elemente gleichzeitig zu zeigen – so, als würde er die Gitarre auseinandernehmen und ihre Teile auf der Leinwand neu anordnen, damit du das Instrument vollständig sehen kannst und nicht nur seine „Fassade“.

Es ist, als würde man ein Objekt mit Augen betrachten, die alle Seiten gleichzeitig sehen können. Deshalb sehen wir in kubistischen Porträts Profil- und Frontalansicht zugleich, und die Gegenstände wirken „zerbrochen“ und neu zusammengesetzt.


Warum war der Kubismus revolutionär?

Der Kubismus war aus mehreren Gründen bahnbrechend:

  1. Ablehnung der Illusion – Die Künstler hörten auf, so zu tun, als sei die Leinwand ein Fenster zur Wirklichkeit. Stattdessen zeigten sie offen, dass Malerei eine flache Fläche mit Farbe ist.
  2. Intellektueller Ansatz – Kubismus fordert den Betrachter zum Denken auf. Das Bild muss im Kopf zusammengesetzt werden. Es ist keine Kunst zum passiven Betrachten, sondern zum aktiven Mitdenken.
  3. Mehrperspektivität – Die gleichzeitige Darstellung mehrerer Ansichten war für die Malerei das, was Einsteins Relativitätstheorie für die Physik war. Raum und Zeit hörten auf, absolut zu sein.
  4. Analyse der Wirklichkeit – Der Kubismus zerlegt die Welt in geometrische Elemente, analysiert sie und setzt sie anschließend nach den Regeln des Künstlers neu zusammen – nicht nach denen der Natur.

Pablo Picasso – der Revolutionär aus Málaga

Pablo Picasso (1881–1973) ist eine legendäre Figur der Kunstgeschichte. Geboren in Málaga in Spanien, zeigte er schon als Kind ein außergewöhnliches malerisches Talent. Sein Vater, selbst Maler, sorgte für eine fundierte künstlerische Ausbildung.

Doch Picasso wollte kein weiterer akademischer Maler sein. Während seines über 90 Jahre langen Lebens experimentierte er ununterbrochen, wechselte Stile, provozierte und überraschte. Der Kubismus war nur eine Phase seines Schaffens – aber wahrscheinlich die wichtigste.


Die Schaffensphasen Picassos – vom Blau zu den „Würfeln“

Picassos Werk lässt sich in klar abgegrenzte Perioden einteilen, von denen jede ihren eigenen Stil und ihre eigene Stimmung hat.

Die Blaue Periode (1901–1904)

Bevor Picasso Kubist wurde, durchlief er andere Phasen. Die Blaue Periode ist geprägt von Blau- und Blaugrüntönen. Die Bilder sind melancholisch und zeigen Arme, Einsame und Leidende.

Warum Blau? Nach dem Selbstmord seines engen Freundes Carlos Casagemas verfiel Picasso in eine Depression. Seine Farbpalette wurde kühl, die Themen düster.

Beispielwerke: Der alte Gitarrist, Das Leben, Das Frühstück des Blinden
Für Einsteiger geeignet? Ja. Die Werke sind emotional und formal noch relativ traditionell.

Die Rosa Periode (1904–1906)

Als Picasso sich in Fernande Olivier verliebte und nach Paris zog, hellte sich seine Palette auf. Rosa, Orange und Rot ersetzten das Blau. Themen waren Zirkusartisten, Harlekine und wandernde Künstlerfamilien.

Warum Rosa? Glück im Privatleben und Faszination für Zirkus und Theater.

Beispielwerke: Familie der Akrobaten, Garçon à la pipe (Junge mit Pfeife)
Für Einsteiger geeignet? Absolut. Warme Farben und eine menschliche Thematik.

Früher Kubismus – Protokubismus (1906–1907)

Eine Übergangsphase, in der Picasso begann, sich von der traditionellen Darstellung zu lösen. Er ließ sich von afrikanischer Kunst, iberischen Skulpturen und von Paul Cézanne inspirieren, der Formen auf geometrische Grundkörper reduzierte.

Schlüsselwerk: Les Demoiselles d’Avignon (1907) – ein Bild, das die Kunstwelt schockierte. Fünf nackte Frauen mit maskenhaften Gesichtern und kantigen Körpern.

Warum wichtig? Dieses Werk markiert den Beginn des Kubismus. Picasso zeigte nicht, wie die Frauen aussehen, sondern wie er über sie dachte – als geometrische Flächen.

Für Einsteiger geeignet? Schwierig. Das Bild ist visuell aggressiv und braucht Kontext.

Analytischer Kubismus (1909–1912)

Die anspruchsvollste Phase des Kubismus. Picasso und Braque zerlegten Gegenstände in kleine geometrische Fragmente. Die Farbpalette ist auf Braun-, Grau- und Ockertöne beschränkt. Die Bilder sind dicht und schwer lesbar.

Merkmale:

  • Monochrome Farbpalette
  • Gleichzeitige Mehransichtigkeit
  • Fragmentierung der Formen
  • Schwierige Erkennbarkeit des Motivs

Beispielwerke: Porträt von Ambroise Vollard, Ma Jolie, Der Gitarrist
Für Einsteiger geeignet? Eher nicht.

Synthetischer Kubismus (1912–1919)

Nach Jahren der Analyse begann Picasso, die Bilder wieder „zusammenzusetzen“, aber auf neue Weise. Statt zu zerlegen, synthetisierte er – er baute Bilder aus fertigen Elementen.

Dies ist die Phase der Collage: Zeitungen, Tapeten, Stoffe werden auf die Leinwand geklebt. Die Farben kehren zurück, die Bilder werden klarer.

Merkmale:

  • Helle, vielfältige Farben
  • Einsatz von Collage
  • Vereinfachte Formen
  • Bessere Lesbarkeit

Beispielwerke: Gitarre, Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht, Die drei Musikanten
Für Einsteiger geeignet? Ja. Deutlich zugänglicher als der analytische Kubismus.

Die Zeit nach dem Kubismus (1919–1973)

Nach dem Ersten Weltkrieg entfernte sich Picasso vom reinen Kubismus. Er kehrte zeitweise zum Klassizismus zurück, experimentierte mit dem Surrealismus und arbeitete parallel in verschiedenen Stilen. Späte Werke wie Guernica (1937) verbinden kubistische Fragmentierung mit enormer expressiver Kraft.


Die zugänglichsten Picasso-Werke für Laien

  1. Der alte Gitarrist (1903–1904) – Blaue Periode
  2. Junge mit Pfeife (1905) – Rosa Periode
  3. Die drei Musikanten (1921) – Synthetischer Kubismus
  4. Porträt von Dora Maar (1937)
  5. Mädchen vor dem Spiegel (1932)
  6. Katze, die einen Vogel fängt (1939)

Wie liest man ein kubistisches Bild? Ein praktischer Leitfaden

  1. Abstand nehmen
  2. Das Thema identifizieren (Titel lesen)
  3. Nach vertrauten Formen suchen
  4. Das Objekt gedanklich drehen
  5. Nicht nach Realismus suchen
  6. Farben und Komposition wahrnehmen

Warum Kubismus schwierig ist – und warum das in Ordnung ist

Kubismus ist anspruchsvoll, und das absichtlich. Er verlangt geistige Mitarbeit. Wenn ein Bild nicht sofort „klickt“, ist das normal. Auch zeitgenössische Kritiker lehnten den Kubismus zunächst ab.


Kubismus in modernen Innenräumen – eine mutige Wahl

Kubistische Werke passen hervorragend in:

  • industrielle Lofts
  • moderne, minimalistische Räume
  • eklektische, künstlerische Interieurs
  • Büros und Unternehmensräume

Kopien kubistischer Werke Picassos – lohnt sich das?

Originale kosten Millionen. Hochwertige, handgemalte Kopien sind erschwinglich und bieten:

  • einen deutlich geringeren Preis
  • Zugang zu ikonischen Motiven
  • hohen Bildungswert
  • Prestige und kulturelle Aussage

Fazit – Kubismus für jeden

Der Kubismus Picassos ist keine Kunst nur für Eliten. Er ist eine visuelle Erfahrung für alle, die bereit sind, ihren Blick zu öffnen. Man muss nicht alles verstehen – es reicht, Energie, Mut und Innovationskraft zu spüren.

Kubismus ist nicht nur Kunstgeschichte. Er ist eine Art, die Welt zu sehen.


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